Nördliches
Ostpreußen
Menschen
- Flüsse - Haff - Mahnungen
Von
Klaus Wieland
Russland
begann am Flughafen Hannover. Gerade 11 Fluggäste verloren sich
in der Tupolew 134A der AEROFLOT. Russisches Mineralnaja Voda
kredenzte uns die Stewardess zur Begrüßung, als sei es bester
Champagner. Allen Unkenrufen von Klaus Bednarz zum Trotz: Es war einer der
ruhigsten Flüge, die wir in der über 30 Jahre alten Tupolew erlebten.
Und
welch ein Landeanflug! Unter uns die weißen Dünen, Strände und Wälder
der Kurischen Nehrung, garniert mit dem blauen
Wasser des Haffs. Das Flughafengebäude, mehr an eine Baracke erinnernd,
stammt noch aus der Vorkriegszeit und war das erste internationale
Abfertigungshaus eines deutschen Flughafens, wie uns ein Mann verriet, der
1944 als 18-jähriger flüchten musste. Nach der Zollabfertigung die bange
Frage: Kommt Leni Ehrlich? Leni kam und wir umarmten uns wie alte Freunde.
Mit von der Partie war Oleg, der uns mit seinem Passat für 10,00 DM pro
Stunde in alle Himmelsrichtungen kutschieren sollte. Schnell ließen wir
den trostlosen Flughafen hinter uns, meine mühsam antrainierten
Kyrillisch-Kenntnisse versetzten mich in die Lage, Ortsschilder und
Wegweiser zu lesen. Namen wie Kaliningrad, Gurevsk und die Regionstadt
Polessk (Labiau) tauchten auf. "Trinkt Ihr Wodka?" Leni fragte
bewusst in Labiau, am dortigen Markt sollte noch Proviant für Gilge
eingekauft werden. Nach einiger Suche konnte Leni zwei Flaschen Wein für
uns ordern. Das landesübliche Weißbrot war nur noch eine Formsache.
Von
Polessk nach Gilge
Hinter
Polessk beginnt die Reise nach Gilge/Matrosowo (Leni: "Unser
letztes Dorf am Ende der Welt"). Entlang dem unendlich langen Kanal,
dem Großen Friedrichsgraben, parallel zum Haff, gehts vorbei an einzelnen
Häusern und vielen Anglern. Störche bringen auch in Russland Glück.
"Du brauchst hier nicht fotografieren, wir haben in Gilge viel
mehr", bei Leni schwang Stolz in in der Stimme. Und wir waren noch
gespannter auf ihr Dorf. Doch zuvor galt es im ehemaligen Elchwerder noch
eine Ponton-Brücke über den Fluß Nemonien, beinahe mit den Schikanen
einer deutschen "Tempo-30-Zone", zu überwinden. Zur
Verhinderung eines Achsbruchs hieß es: Das Passat-Gewicht abspecken und
aussteigen. Leni hakte sich unter und wir marschierten
gemeinsam zum anderen Ufer. Olegs Schritttempo konnte oft einen
Bodenkontakt des Passats nicht verhindern. Nach drei Kilometer
romantischem Birkenweg bei Tempo 10 tauchte Gilge auf. Das >Leben am
Fluss< begann. In der Tat hebt sich Lenis Haus ab.
Liebevoll verputzt im Gegensatz zu den verfallenen Nachbarhäusern. Wir
bekamen das Wunschzimmer mit Blick auf den Fluss: Unser Traum wurde
erfüllt, ein glückliches Gefühl war in uns. Dazu nette familiäre
Bande, die wir schnell knüpfen konnten. Da war Lenis Jüngster und Lenis
älteste Tochter Violetta, verheiratet mit einem Fischer. Violetta hat ein
faszinierendes, ausdrucksvolles Gesicht, ich glaube, daß sie bei manchem
Filmregisseur der momentanen deutschen Welle Riesenchancen hätte. Lenis
Tochter Maria sollten wir erst später kennenlernen.
Leni mit Enkel
Wanderungen
in der Elchniederung
Unzählige
Bäche und Flüsse durchziehen das Mündungsdelta der Memel in das
Kurische Haff: Einst Deutschlands größtes Naturschutzgebiet. Eine
unberührte Landschaft mit einer unbeschreiblichen Vogelwelt tut sich auf.
Schlangen tummeln sich im moortrüben Wasser. Das Quaken der Frösche
zeigt, warum sich Störche und Schwarzstörche hier wohlfühlen. Das laute
Aufeinanderprallen der Schnäbel wird mir noch lange in den Ohren klingen.
Am Haff ein Eldorado für den Schilfrohrsänger, Nachtigallen, Schwäne
und Wildenten. Keine in Deutschland durch EU-Mittel intensivierte
Landwirtschaft hat diese Natur beschädigen können.
Königsberg/Kaliningrad
Inmitten
der im Krieg durch britische Bomber völlig zerstörten ehemaligen
Altstadt befindet sich heute ein großer Park. Überragt wird alles von
der Ruine des Doms. Mit Stolz erzählt man uns vom neuen Dach des Turms
und der Erneuerung der berühmten Uhr. Die Wände des Kirchenschiffes
werden mit Stahlkonstruktionen zusammengehalten: Betreten verboten. In mir
steigt in diesem Trümmerfeld des Krieges ein ohnmächtiges Gefühl auf:
"Tun wir alle genug, um den Wahnwitz der Zerstörung und Produzierung
unendlichen menschlichen Leids künftig zu verhindern?"
Am
Dom läuft ein Interview des Königsberger Fernsehens. Ich erkenne den
Dombaumeister aus dem ARD-Film von Klaus Bednarz wieder, der das Bauwerk
als Weltkulturerbe der Menschheit bezeichnet hatte. Familien machen
Picknick auf den Wiesen. Die Menschen sind nett und freundlich. Meine Frau
und Dolmetscherin Leni sind voran gegangen. Oleg und ich müssen uns mit
Händen und Füßen verständigen und gelangen an das Grabmal von Immanuel
Kant, der von Russen und Deutschen gleichermaßen verehrt wird. Kant ist
der große Sohn der Stadt, lehrend an der Universität am Pregel, ein
Gedenkstein erinnert an die Akademie, auch sie wurde Opfer des Krieges.
Ein
Besuch im Bernsteinmuseum im Dohnaturm gehört zu den lohnenden
Pflichtbesuchen. Bernstein-Schmuck kaufen? Wir verzichteten bei dem
Gedanken, daß die Einheimischen dafür bis zu einen Monat arbeiten
müssen. Ach was hat die Leni über das Essen in einem vornehmen
Restaurant geschimpft: "Der Kartoffelbrei ist mit Mehl
gestreckt." Köstlicher war da der Tee in einer mit Leni befreundeten
Königsberger Familie. Im Haus das sattsam aus der DDR und anderen
Ostländern bekannte Spiel: Der Hausflur- da Allgemeingut - in einem
schlimmen Zustand, hinter der Wohnungstür dann das private Paradies mit
Schrankwand, moderner Küche und Toilette in Bestzustand.
Cranz
und die Nehrung
Am
dritten Tag sollten wir die aus der Luft bewunderte Nehrung betreten. Am
Eingang des Naturschutzgebietes Passkontrolle und 70.000 Rubel (21,00 DM).
Unsere Pässe lagen zum Abstempeln auf der Regionalverwaltung in Polessk.
Wir sahen unsere Chancen sinken. Doch Leni schaffte es: Wir durften auf
die alte Poststraße. Die Nehrung trennt die Ostsee vom Haff und ist nur
wenige Kilometer breit, eine schier unendlich lange und schmale Halbinsel.
Wir suchten am völlig menschenleeren weißen Sandstrand mit riesigen
Dünen nach Bernstein. Unsere Träume zerstoben, als
Oleg unseren angeblichen Schatz als simple Steine entlarvte. Nach 45
Kilometern tauchte die litauische Grenze auf. Bei grimmig dreinblickenden
Kalaschnikow-Trägern ließ ich die Kameras lieber auf dem Schoß, rüber
konnten wir in die einstige Mit-Sowjetrepublik ohnehin wegen den fehlenden
Pässen nicht. So machten wir uns auf in das einst malerische Rossitten am
Haff. Die Backstein-Kirche ist russisch-orthodox geworden. In der
Nachbarschaft die älteste Vogelwarte der Welt. Mein Eintrag ins
Gästebuch: "Niemand kann diese Natur zerstören."
Auf
der Rückfahrt noch eine Stippvisite im früheren Nobelbad Cranz, jetzt
Selenogradsk: Was Klaus Bednarz in seinem Film so treffend darstellte,
sieht in "Natura" noch viel viel schlimmer aus. In der Hoffnung
auf private Investoren, die dem Badeort seinen alten Glanz zurückgeben,
verließen wir die Stadt.
Maria
Lenis
Tochter Maria ist von Geburt her taubstumm. Für 130,00 Mark im Monat lebt
Maria in einem Schulheim bei Cranz. Spuren verrieten uns, dass das Haus
schon zu deutscher Zeit bestand. Maria wusste nichts von unserem Kommen.
Um so größer war ihre Freude, wie sie ihre Mutter sah. Für wenige
Stunden nahmen wir sie mit nach Gilge.
Maria
ist 18 Jahre alt und einem Jungen aus Weissrußland versprochen, der in
Gilge aufgewachsen ist. Am 24. August 1997 wurde mit 200 Gästen Hochzeit
gefeiert. Dieses nette und liebenswerte Mädchen soll 1.000 Kilometer
entfernt in eine Bauernfamilie heiraten.
Für
Leni ist die Heirat ein Glücksfall: "Die Eltern haben ein größeres
Haus als ich." Also auch eine Sache der Versorgung. Das Schicksal des
Mädchens ließ uns in den nächsten Tagen und bis heute nicht los. Am
letzten Tag bat uns Maria, unseren Aufenthalt um eine Woche zu
verlängern, die Sympathien beruhten auf
Gegenseitigkeit.
Tilsit
und Insterburg
Leni
kennt überall Leute. In Tilsit konnten wir für Freunde die ineinander
gesteckten >Babuschkas< erstehen, denn Andenkenläden gibt es nicht.
Leni führte uns in ein Cafe und stellte uns die Besitzerin als Tante von
Marias Künftigem vor. Tilsit interessierte mich, weil es im Krieg kaum
zerstört wurde. Alte baufällige Häuser und Villen werden von schönstem
Straßengrün besäumt. Hier kann man das frühere Leben in
einer ostpreußischen Stadt ein wenig nachvollziehen. Niemand konnte mir
die Frage beantworten, warum man das im Siegesrausch in Sovjetsk
umgetaufte Tilsit nach dem Untergang der Sowjetunion nicht einen
moderateren Namen geben kann. Die Rote Armee hatte Tilsit unbeachtet
durchmarschiert, um das zerstörte Königsberg einzunehmen. Hier fielen
mir die Worte eines Russland-Experten ein: Für die Siegermacht Russland
haben zwei Dinge den höchsten Wert im Verhältnis zu Deutschland:
Die Beutekunst und das Gebiet Königsberg (Kaliningradskaja
oblast). Beides ist offenbar für die Russen an Symbolik nicht zu
übertreffen. Schlimm sind manche "Heimwehtouristen", denen wir
nicht immer aus dem Weg gehen konnten. Was blieb uns da anderes übrig,
als uns für diese "Landsleute" zu entschuldigen und uns als die
besseren Botschafter eines friedlichen Deutschland zu repräsentieren.
An
der Luisenbrücke in Tilsit erlebten wir die Konfrontation mit der Grenze
zu Litauen. Ein Grenzer gestattete mir, die Brücke zu filmen, sofort kam
ein anderer und raunzte mich in scharfem Ton an: "No Foto!" An
der Memel unten bettelnde Kinder. Die Memel ist wieder Grenzfluß zur 1939
durch den Teufelspakt Hitler-Stalin vereinnahmten Baltenrepublik
Litauen.
Den
Abschluß an diesem Tag erlebten wir in Insterburg mit dem russischen
Namen Tschernjahovsk, Zeichen der absoluten Auslöschung von allem, was
auch im Entferntesten deutsch klingt. Da ist Polen anders vorgegangen. Die
gotische Backsteinkirche in Insterburg ist auch zu Lenis Verwunderung fast
ganz wieder hergestellt. Das Straßenbild Insterburgs ist dem von Tilsit
ähnlich: Alte Bürgerhäuser zeugen von einstigem Reichtum.
Wodka,
Tanz und viel Spaß
Der
Freitag Abend gehörte den Freunden Lenis. In ihrem Haus kamen Olga, Oleg
und und und zusammen. Wodka als Aperitif, Wodka zwischendurch, Wodka zur
Verdauung. Leni brachte köstliche Salate und ein Nudelgericht aus ihrer
Heimat Kasachstan, die sie vor sieben Jahren verlassen hat, auf den Tisch.
Bis in die späte Nacht haben wir nach russischen Weisen getanzt und viel
gelacht. Leni liebt die Geselligkeit. Am besten hat ihr unsere wahre
Geschichte gefallen, wie mit Hilfe von Tomatensalat und
"Schampanski" im Taunus in einer Nacht durch die spezielle
Pflanzmethode des Übelseins kräftige Tomaten wuchsen. An diesem Abend
verlieh man mir feierlich die Schärpe des verdienten Kolschosenbauern aus
Sowjetzeiten.
Schifffahrt auf der Gilge

Am
letzten Tag noch ein absoluter Höhepunkt. Violettas Mann war mit seinem
Fangschiff gekommen. Die ganze Mann-/Frauschaft rauf auf den Kahn. Vorbei
an den alten und kaputten Häusern, den Anglern und der Schilflandschaft
schipperten wir ins Haff. Bei herrlichstem Wetter und tiefliegender Sonne
ein Boots-Picknick. Unsere Gastgeberin Leni kredenzte Brot mit Wurst und
den unvermeidlichen Wodka. "Klaus - Du nimmst mich immer mit Schnaps
auf." Dem war natürlich nicht so. Leni hat ein Stück meines Herzens
in Gilge behalten. Eine großartige Frau, die sich für ihre Familie und
Freunde durchschlägt und wenn es sein muss, total zerreißt.
Vier
von zwölf von Lenis Kühen geben zur Zeit Milch. Wir genossen die beste
Butter, die uns je über die Zunge ging.
Wehmut
Am
frühen Sonntagmorgen noch einmal Lenis gutes Frühstück. Leni ging mit
vielen Deutschen ins Gericht, die bei ihr offenbar den Hochmut
herauskehrten. Klaus Bednarz sollen wir grüßen. "Er ist ein so
lieber Mensch, wie Ihr." Leni berichtet von einem Telefonat mit
Bednarz aus Tilsit: "Leni - ich möchte bei Dir Mittagessen und bin
in zwei Stunden bei Dir." Von anderen Journalisten aus Deutschland
hält sie nichts: "Ich sage ein Wort und sie machen fünf
daraus." Oleg brachte uns allein an den Flughafen. Leni musste das
Restaurant für 40 Gäste vorbereiten. Oleg umarmte uns und ich gestehe,
daß ich Tränen in den Augenwinkeln hatte. Diese Woche war eine
Bereicherung in meinem und unserem Leben. Ich fahre mit meiner Frau wieder
hin, das Dorf und der Fluss Gilge, das Land und die Menschen haben uns
tief beeindruckt. Zum Glück hat Leni Ehrlich Telefon.
Mai
1996